Pechvögel, die wieder fliegen lernen

Vor über einem Jahr haben sich Leonard Bischoff und Ramon Gfeller vom RLZ Jungfrau Schien- und Wadenbeinbrüche zugezogen. Beide sind jetzt heiss auf ihre Comebacks. Aber ihre Zukunft sehen sie unterschiedlich.

Das Ungemach begann am 10. September des vergangenen Jahres. Eigentlich war es ein perfekter Trainingstag auf dem Allalingletscher hoch oben über Saas-Fee. Das Schneetraining war in vollem Gang, Leonard Bischoff (damals 14) auf dem Bügellift zurück nach oben. Plötzlich krachte es fürchterlich. Eine Skifahrerin war in der Hocke fahrend voll in Leonard Bischoff hineingebrettert. «Zuerst schmerzte nur die Schulter, aber ich merkte schnell, dass das nur halb so wild war. Nach einem Moment realisierte ich, dass etwas mit dem Bein überhaupt nicht in Ordnung war», erinnert er sich.

Im Spital gab die genaue Diagnose Gewissheit über die Verletzungen: Schien- und Wadenbeinbruch. Letzteres war sogar doppelt gebrochen. Er hatte sich eigentlich vorgenommen noch einmal alles zu geben, sich für höhere Kader zu empfehlen, doch die Verletzung durchkreuzte seine Pläne. Die Saison hatte noch überhaupt nicht begonnen, und schon war klar: Es gibt keinen einzigen Renneinsatz für Leonard Bischoff im Winter 2016/17.

Der zweite Schock

14. Dezember 2016. Das RLZ Jungfrau trainierte an diesem Tag zu Hause in der Jungfrau Ski Region. An der Salzegg, also beim Skilift Eigerwand, war ein Slalom ausgesteckt. Oben stiess sich Ramon Gfeller wuchtig aus dem Starthaus. Er drückte aufs Gas, schliesslich wollte er bereit sein für den Saisonstart. Dann, kurze Rücklage, und schon setzten sich immense Kräfte frei: Es hebelte Ramon aus, er flog aus der Strecke. Am Boden merkte er schnell, dass dieser Sturz Folgen hatte. Auch er sollte später erfahren: Schien- und Wadenbeinbruch.

Heute sagt Ramon Gfeller: «Es war hart zu wissen, dass ich eine lange Zeit auf das Skifahren verzichten muss». Doch er habe stets die Hoffnung gehabt, möglichst rasch wieder fit zu werden. «Dafür habe ich auch gearbeitet.» Der Cheftrainer des RLZ Jungfrau, Sven Kuonen, erinnert sich: «Das war ein harter Tag. Ich dachte mir, nicht schon wieder! Immerhin kam rasch die Zuversicht. Leonard war ja auf bestem Weg zur Besserung, der sprach schon von Skifahren».

Physio, Massage und Geduld

Zweimal pro Woche war Leonard in der Physiotherapie. Zuerst mobilisierten die Therapeuten sein Bein. Später kamen leichte Kraftübungen dazu und schon bald wieder kleine Gewichte. «Von dem Moment an, als ich Krafttraining machen durfte, ging es wieder richtig vorwärts. Der Trainer hat mich dabei unterstützt, das richtige Mass für mich zu finden», bilanziert er. Es war wichtig für ihn zu wissen, was er wieder durfte und vor allem, dass er immer mehr machen durfte.

Diese Erfahrung sollte auch Ramon später machen. Er hatte vier Wochen lang einen Gips bis unter die Hüfte, dann noch zwei Wochen bis unters Knie tragen müssen. Logisch, dass dann nach vier Wochen das Knie steif ist. Bewegungen, die sonst schier automatisch funktionieren, gingen einfach nicht. Eine harte Erfahrung für einen 13-Jährigen, der es gewohnt ist, mehrmals wöchentlich intensiv zu trainieren. «Als ich das Knie wieder bewegen konnte, war das für mich ein grosser Schritt», sagt Ramon Gfeller. Auch er profitierte von den Künsten der Physiotherapeuten, zudem ging er regelmässig in die Massage.

Comeback steht an

Schon im vergangenen Winter stand Leonard Bischoff wieder auf den Ski. Im Sommer ging es für Ramon zurück auf die Piste, ironischerweise auf den Gletscher in Saas-Fee, dort, wo das Ungemach begann.

Leonard Bischoff & Ramon Gfeller – Die Rückkehrer

Die beiden Teenager Leonard Bischoff und Ramon Gfeller fahren im Kader RLZ Jungfrau Ski. Beide haben im vergangenen Jahr Schien- und Wadenbein gebrochen und eine lange Verletzungspause hinter sich. Beide wollen es in diesem Winter nochmals wissen und wieder Rennen bestreiten. Ihre Ziele haben sich jedoch unterschiedlich entwickelt.

Leonard, Ramon, was schmerzt heute noch?

Leonard:
Ich bin mittlerweile schmerzfrei. Nach dem Unfall wurden die Brüche mit Nägeln fixiert. Diese hatten mich beim Skifahren gestört. Als sie weg waren, ging es aber immer besser.
Ramon:
Bei mir wurde es besser, als der grosse Gips bis unter die Hüfte weg war. Diesen musste ich vier Wochen lang tragen. Nachher konnte ich Stück für Stück das Knie wieder bewegen. Das half mir sehr. Jetzt schmerzt auch mir nichts mehr.

Was hat euch sonst am meisten geholfen?

Leonard:
Die Familie hat mich immer unterstützt, das war sicher wichtig.
Ramon:
Auch mir haben die Eltern sehr geholfen.

Könnt ihr eurer Verletzung heute etwas Positives abgewinnen?

Ramon:
Heute weiss ich, was es heisst, von einer Verletzung zurückzukommen. Ich betrachte es als Lebenserfahrung.
Leonard:
Am Unfall sehe ich nichts Gutes.

Haben sich eure Ziele verändert im Vergleich zur Zeit vor dem Unfall?

Leonard:
Vor dem Unfall wollte ich mich für die Juniorenkader empfehlen. Jetzt will ich eine starke letzte JO-Saison fahren. Nachher setze ich auf die Karte Lehre. Im Sommer beginne ich die Lehre als Automechatroniker.
Ramon:
Meine Ziele haben sich nicht verändert. Ich will diese Saison Vollgas geben und mal schauen, was ich damit erreichen kann. Der nächste Schritt soll ein Juniorenkader sein. Das war vor dem Unfall so und ist immer noch so.

Das heisst, ihr freut euch beide auf die Rennen?

Ramon:
Ja natürlich, wir haben beide über ein Jahr lang keine Rennen fahren können. Glücklicherweise konnte ich früher als ursprünglich erwartet zurück auf die Ski. Seither habe ich gut trainiert, und das will ich jetzt in die Rennen mitnehmen.
Leonard:
Wir wollen endlich wieder angreifen.
Tags: